Musiktheater 🔮 Am Theater Freiburg sagen wir ganz bewusst „Musiktheater“ zu der Sparte, für die ich euch wieder ein Programm präsentieren darf, das Gegensätze nicht scheut. Es sucht sie bewusst, um die Vielfalt der Spielarten des musikalischen Theaters erlebbar zu machen: Große Oper, Repertoirekracher, neues Repertoire, Broadway-Musical, Operettenrevue mit postkolonialer Fragestellung – auch in der Spielzeit 2026/27 greift das Musiktheater wieder so weit aus, wie möglich.

Monika Gintersdorfer und ihre transnationale Tanz- und Theatergruppe La Fleur machen nach dem fulminanten Erfolg von Josephine Baker den Anfang mit dem nächsten Abend zwischen Biopic und entertaining Epochenportrait: Amusez-vous: Jacques Offenbach. Mit den Sängerinnen und Spielerinnen unseres Ensembles und dem Philharmonischen Orchester untersuchen sie die Machtmechanismen hinter der Pariser Vergnügungsindustrie des 2. Kaiserreichs und ihre Parallelen zum Showbiz von heute – Genießen ausdrücklich erlaubt! Mit La traviata bringen wir eine weitere Oper aus Giuseppe Verdis „populärer Trilogie“ in der Deutung der südafrikanischen Regisseurin Victoria Stevens auf die Bühne. Große Oper wie großes Kino – seid dabei, wenn Violetta von der realen Frau hinter der Geschichte zur Opernikone wird. Zweifelhafte Helden und Frageverbote bzw. Sprachprobleme dann gleich im Dreierpack zwischen Januar und März: Mit Lohengrin präsentieren wir endlich wieder nach vielen Jahren Wagner am Theater Freiburg und suchen die Widerspiegelung der politisch verunsicherten Bewegungsunfähigkeit der Gesellschaft von Brabant in den Lügenexzessen der Gegenwart. Fragen, wo die politische Lichtgestalt herkommt, leider verboten! Ein bisschen anders, aber doch ganz ähnlich das Problem von Blake: Hauptprotagonist der Kino-Oper Last Days nach dem gleichnamigen Film von Gus van Sant über die letzten Tage im Leben von Nirvana-Sänger Kurt Cobain. Kurt=Blake verliert seine Fähigkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Für Lily Kuhlmann und Kaja Busch ein Sinnbild für die Gefährlichkeit der sog. „male loneliness epidemic“. Alleine gegen eine Welt, die nicht davon lassen kann, den Menschen permanent mit irgendetwas zu identifizieren, ist auch Arnold Schönbergs biblischer Moses. Gemeinsam mit dem Theater Basel und der Kraft der Opernchöre beider Häuser bringen wir das spektakuläre Monumentalwerk Moses und Aron auf die Bühne. Das hat’s noch nie gegeben und wir sind wahnsinnig stolz, auf diese Weise Repertoire realisieren zu können, das sonst weit größeren Häusern vorbehalten bleibt. Im Frühjahr bringen wir dann wieder eine ordentliche Portion Broadway-Feeling ins Große Haus. In Stephen Sondheims Kult-Musical Into the Woods stolpern Märchenfiguren wie Rotkäppchen, Cinderella, verschiedene Prinzen usw. durch einen Wald, in dem auf jedes Happy End ein Weiterleben mit realen Zumutungen des Lebens folgt. Der einzige Trost? „No one is alone!“, so die Pointe des Abends. Mit schwerem Herzen verabschieden wir am Ende dieser Spielzeit unseren Generalmusikdirektor André de Ridder, mit dem uns eine unendlich inspirierende Zusammenarbeit verbindet. Die Freundschaft hört aber nicht auf und so bringen wir als letztes Projekt unter seiner Musikalischen Leitung die Deutsche Erstaufführung der Oper The Shell Trial der amerikanischen Komponistin Ellen Reid ans Theater Freiburg. Dieses Stück über das Herumreichen der Verantwortung in der Klimakrise zwischen Konzernen, Politik und Konsument*innen entsteht als Koproduktion mit der English National Opera. Wir bleiben also vernetzt – international, regional, in der Stadt, über ihre Grenzen hinaus und vor allem mit inhaltlichen Querverbindungen, die die Unterschiedlichkeit der Formate nicht beschneidet, sondern befördert. Bleibt neugierig, entdeckt Neues und vor allem: Freut euch – neben unserem starken internationalen Ensemble – auf das Unbekannte im Bekannten.

Franz-Erdmann Meyer-Herder
Leitung Musiktheater

Amusez-vous: Jacques OffenbachTF

Scheinbar ganz Paris befindet sich im Taumel des Vergnügens. Mittendrin: Jacques Offenbach, der Urvater der Operette. Gemeinsam mit der transnationalen Theater- und Performance-Gruppe La Fleur spüren wir den aufmüpfigen Möglichkeiten der Operette nach und machen deren radikalen Geist erfahrbar, der auch heute noch die Parolen „Amusement“ und „Liberté“ ins Rund wirft.

von La Fleur mit Musik von Jacques Offenbach, Timor Litzenberger & Vetcho Lolas
Musikalische Leitung: Artem Lonhinov
Regie: Monika Gintersdorfer
GroĂźes Haus, ab 4. Oktober 2026

Grammar of DreamsTF

Pop-Up-Oper

Wer hat sich nicht schon mal in seinen eigenen Träumen verirrt? Die finnische Komponistin Kaija Saariaho hat ihren Umgang mit der Traumlogik in einen Liederzyklus auf Texte von Sylvia Plath gefasst. From the Grammar of Dreams ist ein Werk für Solostimme und Elektronik, in dem Saariaho eine einsame Protagonistin auf traumbehafteten Pfaden aus dem inneren Erleben herausführt.

Musik von Kaija Saariaho u. a.
Regie: Sebastian KrauĂź
Winterer-Foyer, ab 25. November 2026

La traviataTF

Verdi hatte ein Herz für Außenseiterfiguren. In seiner Oper La traviata machte er die berühmte Pariser Kurtisane Marie Duplessis zur romantischen Ikone. Doch wer ist diese Frau jenseits von Kitsch, Klischee und Opferromantik? Regisseurin Victoria Stevens geht auf Spurensuche und erzählt, was die Oper über ihre Protagonistin verschweigt.

von Giuseppe Verdi und Francesco Maria Piave
Musikalische Leitung: Artem Lonhinov
Regie und Konzept: Victoria Stevens
GroĂźes Haus, ab 28. November 2026

LohengrinTF

Eine Gesellschaft ohne Orientierung, ein Führungsanspruch ohne Mandat und ein ängstlicher Blick in eine beschleunigte Zukunft – Lohengrin tritt in die Lücke und übernimmt Verantwortung. Doch wer ist dieser Mann, dem man die politische Zukunft anvertraut? FAUST-Preis-Gewinner Dennis Krauß sucht gemeinsam mit Norbert Bisky und Katharina Pia Schütz nach Erzählwelten, die uns die Verführbarkeit der Massen vor Augen führen.

von Richard Wagner
Musikalische Leitung: André de Ridder
Regie: Dennis KrauĂź
GroĂźes Haus, ab 24. Januar 2027

Last DaysTF

Pop-Up-Oper

Der Film Last Days (2005) erzählt vom Tod eines Rockstars namens Blake, der Nirvana-Sänger Kurt Cobain nachempfunden ist. Oliver Leith machte daraus 2022 eine Oper, die mit ihren dunkelbunten Klangflächen spürbar macht, was es heißt, den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren. Lily Kuhlmann und Kaja Busch spüren in Last Days der gefährlichen Einsamkeit junger Männer wie Blake nach.

von Oliver Leith, Libretto von Matt Copson nach dem gleichnamigen Film von Gus van Sant
Musikalische Leitung: André de Ridder / Friederike Scheunchen
Regie: Lily Kuhlmann
GroĂźes Haus, HinterbĂĽhne, ab 27. Februar 2027

Moses und AronTF

Auf der Suche nach Gott stehen die biblischen Brüder Moses und Aron für einen zentralen Konflikt der Moderne: Identität bindet uns an Dinge, die uns unfrei machen. Arnold Schönbergs monumentales Meisterwerk wird in der Inszenierung von Felix Rothenhäusler und Benedikt von Peter zur Reflexion über ein Miteinander ohne Feindbilder.

von Arnold Schönberg
Musikalische Leitung: André de Ridder
Regie: Benedikt von Peter & Felix Rothenhäusler
Großes Haus, ab 13. März 2027

Into the WoodsTF

Rotkäppchen, Aschenputtel und andere Märchenikonen auf Glückssuche im Märchenwald, wo der Wunschtraum des einen zum Alptraum des anderen wird. In seinem Broadway-Kultmusical wirft Stephen Sondheim die bekanntesten Märchenfiguren in eine gemeinsame Geschichte und erzählt, was nach dem Happy End geschieht.

Musik und Liedtexte von Stephen Sondheim, Buch von James Lapine
Musikalische Leitung: Artem Lonhinov
Regie: Anna Bernreitner
GroĂźes Haus, ab 9. Mai 2027

The Shell TrialTF

Ellen Reids Oper bringt zentrale Konflikte der Klimakrise als Reise nach Jerusalem auf die Bühne: Niemand will die Verantwortung übernehmen und zeigt mit dem Finger auf andere. Felix Rothenhäusler bringt die Deutsche Erstaufführung als konzentrierte Auseinandersetzung mit dem möglichen Ende unserer Spezies auf die Bühne.

von Ellen Reid, Libretto von Roxie Perkins
Musikalische Leitung: André de Ridder
Regie: Felix Rothenhäusler
GroĂźes Haus, ab 26. Juni 2027